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Ende der Privatheit

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Über 400 Millionen Menschen weltweit verbinden ihren geistig-religiösen Lebensinhalt mit dem reformatorischen Geschehen und der daraus entstandenen weltweiten Wirkung. Dieses Ereignis ist von globaler Bedeutung, es betrifft die Kirchen genauso wie das Kultur- und Geistesleben der Zivilgesellschaft.

Die Veranstaltungen des VS im Rückblick auf die Reformation sind keinesfalls nur auf die Ereignisse vor
500 Jahren gerichtet, sondern reflektieren einzelne Segmente der globalen Wirkung dieses Ereignisses hinein in die Gegenwart mit den damit verbundenen Entwicklungen und Herausforderungen. Der VS will vor allem die Wirkungen und Errungenschaften der Reformation in Kunst, Kultur, Kultureller Bildung, Gesellschaft und Politik aufzeigen.

Luthers Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen, von der Bildung, die für alle gilt, von persönlicher Verantwortung, die gesamtgesellschaftlich umgesetzt werden muss, ging in alle Welt und soll in konkreten Veranstaltungsangeboten reflektiert und auf gegenwärtige Umsetzung hinterfragt werden.


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Dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller VS und dem Kulturwerk deutscher Schriftsteller e. V. ist folgende Themenstellung in diesem Projekt aus zivilgesellschaftlicher Sicht wichtig: Wie kann es uns gelingen, den Impuls Luthers und der Reformation in unserer heutigen Welt Ausdruck zu verleihen? Dies betrifft Kulturelle Vielfalt und Bildung, Recht, verantwortungsbewusste Ökonomie und die Medien im Digitalen Wandel, denn die Reformation von 1517 ist untrennbar verknüpft mit einer Medienrevolution. Die neuen technischen Möglichkeiten des Buchdrucks hatten tiefgreifende Auswirkungen auf Gesellschaft und Kultur der damaligen Zeit. Jede und jeder konnte nun selber die Bibel und andere Schriften lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Idee von der »Freiheit eines Christenmenschen« bedeutete die Befreiung des Individuums. Sie rüttelte an den Fundamenten der gesellschaftlichen Ordnung und war Auslöser unvorhersehbarer Entwicklungen und auch Konflikte.

Mit der Digitalisierung erleben wir heute erneut eine Medienrevolution, die nicht allein als technologische Innovation und Erweiterung unserer Möglichkeiten zu verstehen ist, sondern ebenso als Auslöser und Motor grundlegender Umwälzungen in Kultur und Gesellschaft, in Bildern und Sprache, in unserer Haltung zur Welt.
• Können wir diese Entwicklung gestalten?
• Und wenn ja, wie?

Diese Debatte ist eine gesamtgesellschaftliche und geht auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller an; schließlich stehen Werte wie Privatheit, Autonomie und Demokratie auf dem Spiel. Brauchen wir neue Thesen zur Freiheit des Individuums?

Die Idee von der »Freiheit eines Christenmenschen« bedeutete die Befreiung des Individuums. Sie rüttelte an den Fundamenten der gesellschaftlichen Ordnung und war Auslöser unvorhersehbarer Entwicklungen und auch Konflikte.

Die Bedeutung der Sprache und des Erlernens von Sprachen als Tür zu wesentlichen Schätzen menschlichen Geistes- und Kulturgutes ist einer der Impulse aus der Reformationszeit, die die Geschichte danach geprägt haben.

Viele Probleme stehen im Raum. Zu ihnen gehören gesamtgesellschaftliche Fragen, denen sich der VS im Projekt stellen will:

• War es Luther, theologischer Urheber der Reformation, der eine Medienrevolution anstieß, die eine neue Wort- und Bildsprache hervorbrachte?
• Wie können wir Globalisierung lernen, wenn es die Wahrheit nur im Plural gibt?
• Wie willkommen ist ein Fremder in unserem Land?

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am 10. März 2017 in Aschaffenburg

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Diskutanten aschaffenburg
v.l.: Dr. Werner Meixner, Susanne Wolf, Eva Leipprand, Andreas Heidtmann, Ulrike Schäfer
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Auf den folgenden Seiten
dokumentieren wir die Statements einzelner Diputanten.

Diskutanten aschaffenburg
v.l.: Dr. Werner Meixner, Susanne Wolf, Eva Leipprand, Andreas Heidtmann, Ulrike Schäfer
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Einführung in die Debatte

Leipprand
Eva Leipprand
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Wir leben in aufgewühlten Zeiten. Nichts ist mehr sicher, die bisherige Ordnung scheint sich aufzulösen, Ansichten werden von unten nach oben gekehrt, am schlimmsten ist die Ahnung, selbst in einer Filterbubble zu leben und ein falsches Bild von der Welt zu haben. Wir leben in einer Umbruchszeit. Die Weltbevölkerung wächst, rückt näher zusammen mit allen ihren Konflikten, die Globalisierung zeigt ihre finsteren Seiten, der Klimawandel wird immer drängender; ganz wesentlich und mit allem verknüpft aber ist der technologische Wandel, die Digitalisierung. Eine Medienrevolution, die die Grundlagen unserer Kultur erschüttert.

Eine Umbruchszeit wie im 16. Jahrhundert. So könnten sich die Menschen damals auch gefühlt haben – da war eine große Unsicherheit, die Erde auf einmal keine Scheibe mehr, sondern eine Kugel, wo ist da Oben und Unten, wo Himmel und Hölle? Die Türkengefahr aus dem Osten, Teuerung und Zinswucher, seltsame Zeichen am Himmel, und dann kommt da noch einer, der mit seinen Thesen das allgemeine Priestertum verkündet und in oft rüpelhafter Sprache und durch nichts zu beeindrucken sämtliche Rangordnungen aufhebt. Und dazu das neue Medium, der Buchdruck, der seine Ideen in Windeseile verbreitet und unkontrollierbar macht.

Der Vergleich beider Epochen ist auf jeden Fall naheliegend und hilfreich. Denn auf die eine Zeit können wir schon zurückschauen (und aus dem Abstand anders urteilen als die Zeitgenossen – sie als Teil einer Entwicklung sehen), während wir in der anderen mitten drin stecken und nicht wissen können, was daraus wird. Dass jeder nun lesen konnte, auf Deutsch eigenständigen Zugang zur Bibel hatte, empfinden wir aus heutiger Sicht als eine gute Entwicklung, sie trug zur Befreiung des Individuums aus den Dogmen der Kirche bei. Über die Aufklärung bis heute blieb die Idee des Individuums eine wesentliche Orientierungsgröße. Jetzt aber scheint das Individuum bedroht und mit ihm die Vorstellung der Privatheit. Marc Zuckerberg schreitet über die Bühne und ruft unter dem Beifall des Publikums: privacy is over, und im gleichen Atemzug: we’re going to make the world a better place. Passt das überhaupt zusammen? Das ist unsere Frage heute Abend. Bringt das Ende der Privatheit eine bessere Welt? Ist nicht die große Euphorie aus den Anfängen des Internets spätestens seit Snowden und Trump großen Ängsten gewichen, dass wir beherrscht werden und nicht mehr beherrschen?

Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist dies eine besonders drängende Frage. Ihre Kreativität ist individuell. Sie sind die Leute, die Narrative herstellen – die Dinge in Bedeutungszusammenhänge bringen, die Welt erklären, jeder auf seine Weise in großer Vielfalt; die Bilder und Symbole schaffen für den Diskurs in der Gesellschaft. Was bedeutet die Digitalisierung für sie? Schrankenlose Möglichkeiten bei der Verbreitung ihrer Werke? Angst vor Überwachung und Anpassung? Ändert sich etwas an ihrem Schreiben, an ihrem Verhältnis zum Leser, zum Markt, was ist ihre Rolle in dieser Zeit?

Leipprand
Eva Leipprand
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Literatur und Digitalisierung – eine begriffliche Annäherung

Andreas heidtmann
Andreas Heidtmann
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1. Dynamik

Der Weg des Buches zum Leitmedium vollzog sich über Jahrhunderte, vor zwei Jahrzehnten dagegen war das e-Book unbekannt und die digitale Welt kaum entdeckt. Anstelle von Entwicklungen treten Brüche – innerhalb von Jahren, nicht Jahrhunderten, werden wir mit neuen medialen Möglichkeiten und grundlegenden Wandlungen konfrontiert. Immer rascher wird vom Nutzer ein neuer technischer Kenntnisstand erwartet.
    Angesichts dieser Dynamik fehlt es an Phasen, die neuen Techniken und ihren Nutzen zu reflektieren. Wichtig wären adäquate gesellschaftliche, psychologische, philosophische, ökonomische Betrachtungen, die uns als Nutzer emanzipieren und der Politik Handlungsgrundlagen bieten. Doch wir scheinen überrollt von Innovationen, die so rasant sind, dass das, was wir heute zu wissen glauben, morgen durch Verlautbarungen aus dem Silicon Valley überholt ist. Technik und Erfahrung sind entkoppelt. Die Zukunft hat immer schon begonnen. Das Synchronisationsproblem von technischer Entwicklung und individuellem Mitvollzug zwingt uns gegenüber der digitalen Technik in die Dauerdefensive.

2. Partizipation

Die neuen Medien bieten uns die Möglichkeit des Dialogs. Die horizontale Kommunikation ersetzt die vertikale. Euphorien, die in der Frühphase des Internets aufkamen, beruhten auf der Hoffnung, den Monolog der alten Medien zu durchbrechen. Der Rezipient sollte nicht mehr nur Rezipient sein, sondern am Text, am Kunstwerk, mitwirken, wobei diese Partizipation allerdings häufig nur im Auswählen per Link oder im Verfassen von Kommentaren bestand.
    Mit dem rapiden Wachstum des Netzes ist das einstige Privileg des Veröffentlichens zu einer Option für alle geworden. Eine Demokratisierung vollzieht sich. Statt in der Rezipientenrolle zu verharren, kann jeder seine Gedanken ohne Umschweife publizieren. Sei es in Form von Tagebüchern, Urlaubsberichten, politischen Statements, Gedichten oder literarischen Versuchen. Nur wenige Schreibende werden eine nennenswerte Leserschaft finden, aber in jedem Fall wird die der professionellen Autoren kleiner. Die Idee des Künstlerindividuums verblasst und die Differenz zwischen Schreibenden und Lesenden verringert sich. Ähnliche Tendenzen finden sich bei Youtubern, die ihre Filme unabhängig von der Filmindustrie aufnehmen und zuweilen große Popularität erlangen.

3. Seite

Obwohl das Pferd in der Regel nicht mehr als Arbeitstier dient, zählen wir die Leistung von Kraftfahrzeugen in Pferdestärken. Vergleichbares erleben wir mit dem Begriff der Seite. Im digitalen Raum existiert sie nicht, dennoch behelfen wir uns mit ihr. Gliedern die digitale Welt. Manchmal wird sogar das Umblättern simuliert.
    Während unsere heutige Literatur sich im Wesentlichen mit der Verbreitung des Buches entfaltete, wirkte dessen Format auf viele Genres zurück. Wer einen narrativen Text schreibt und auf Seite 150 angelangt ist, darf davon ausgehen, dass ein Roman entsteht. Die Mehrzahl der Gedichte lassen sich auf einer Buchseite wiedergeben. Wir haben schreibend das Maß der Seite verinnerlicht. Das Buch selbst ist in Umfang, Gliederung und Haptik bestens auf die geistigen Prozesse und kognitiven Fähigkeiten des Menschen abgestimmt.
    Wenn wir dagegen die Möglichkeiten des Internets ernst nehmen, müssten wir als Schreibende Webraum und Webzeit losgelöst vom Verfahren der Paginierung sehen und zu konstituierenden Elementen von Formen werden lassen, die nicht mehr als gefügter Roman oder Gedichtband in Erscheinung treten. Es wäre naiv zu glauben, das neue Medium böte Buchinhalten nur eine neue Folie. Als reines Werbe- und Informationsmedium kann es dem klassischen Text weiterhin dienen wie dem digitalen. Ein Blogger wird aber nicht in Seiten denken, sondern in Posts, Links, Tweets und Threads.

4. Community

Nach der Jahrtausendwende einen literarischen Verlag zu gründen, darf, zumindest wirtschaftlich, als heikles Unterfangen gelten. Lange Zeit war das Buch nicht nur wesentliche Informationsquelle, sondern Symbol des Bildungsbürgertums, Zeichen vom Aufgeklärtheit und Kunstverständnis, sogar Statussymbol. Nicht nur die digitale Verfügbarkeit von Informationen mindert heute die Bedeutung des Buches, auch die Leserschaft selbst zerstreut sich, da die Menge an Unterhaltungsangeboten stetig wächst. Dass es dennoch gelang um 2005 einen literarischen Independent-Verlag zu etablieren, ist wesentlich dem Netz zu verdanken. Kein anderes Medium hätte es ermöglicht, innerhalb von ein bis zwei Jahren eine Community zu schaffen, zu der in der Hochphase mehr als tausend Autoren und Zehntausende tägliche Besucher gehörten.
    Der Poetenladen war zunächst also nichts als ein virtueller Laden mit frei zugänglichen Texten. Das Nonprofit-Projekt gab jungen Autoren die Möglichkeiten, in einem angemessenen Rahmen über ihre Arbeit zu informieren und Texte vorzustellen. Die Plattform florierte, als herkömmliche Verlage begannen, literarische Programme auszudünnen und Lyrik auszusortieren. Bald meldeten sich auch etablierte Schriftsteller. Gerhard Zwerenz gelang der grandiose Wurf einer politischen Biographie, die über fünf Jahre Montag für Montag in Folge erschien und gedruckt 5.000 Seiten umfasst. Gäbe es sie gedruckt.
    Angesichts der wachsenden Vielfalt und Bekanntheit im Netz lag es irgendwann nahe, sich auch der Buchproduktion zuzuwenden. Anders als virtuelle Texte schienen Bücher zumindest theoretisch verkäuflich. So entstanden neben dem Literaturmagazin poet Anthologien und erste Einzelbände mit Lyrik, Erzählungen und Romanen. Mehr und mehr entwickelte sich die Plattform zu einem literarischen Buchverlag, der wesentlich von der gewachsenen Community profitierte. Dabei überraschte die Einschätzung vieler junger Schreibender, dass man erst, wenn man sein gedrucktes Buch in den Händen halte, ein Autor sei.

5. Signierstunde oder Diversifikation

»Was wird aus der Signierstunde des Autors«, fragt Burkhard Spinnen besorgt.* Ich möchte meinen: Nicht alle neuen Kulturtechniken führen zur Abschaffung älterer. Immer noch gehen Menschen ins Theater, obwohl es seit mehr als hundert Jahren den Film gibt, und immer noch gehen Menschen ins Kino, obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert Fernsehgeräte gibt. Die Fotografie wiederum löste die Portraitmalerei ab und trug indirekt dazu bei, dass die Malerei, vom Zweckhaften befreit, ein gewaltiges Potenzial entfaltete.
    Auch das Buch wird neben der digitalen Vielfalt Bestand haben, aber große Anteile verlieren. So droht anspruchvoller Literatur, die nicht die Deckungsauflagen erzielt, das Aus. Manche Kulturinstitutionen haben das Problem erkannt. So führt beispielsweise die Kulturstiftung Sachsen in Kooperation mit dem poetenladen das Projekt Reihe Neue Lyrik durch. Hier erscheinen Gedichtbände in ansprechender Aufmachung mit garantiertem Honorar und professionellem Lektorat, Bücher, die ohne Förderung am Markt keine Chance mehr hätten. Und die natürlich signiert werden können.

6. Data loss

Nicht allen Autoren ist vielleicht bewusst, dass sich digitale Texte zwar leicht verbreiten lassen, aber eine verschwindend geringe Haltbarkeit haben. Mühelos können wir in einem fünfzig Jahre alten Buch blättern. Mit der digitalen Technik geraten wir in den Sog der Beschleunigungsökonomie: Hard- und Software, Scripte und Formate ändern sich permanent. Was sich heute gut im Netz macht, sieht in zehn Jahren hoffnungslos veraltet aus oder wird – ohne regelmäßige Updates – nicht einmal mehr abrufbar sein.
    Meine verlegerische Netzerfahrung ist die einer Sisyphosarbeit aus dauerndem Aktualisieren, Sichern, Schadensbegrenzungen nach Hackerangriffen. Wie entspannend dagegen die Handhabung eines Buches. Niemand muss fürchten, dass er, wenn er einen Roman aus dem Jahr 1984 aufschlägt, leere Seiten vorfindet. Anders bei digitalen Speichern: Nicht nur die Formate veraltern, Stichwort Diskette, die Daten selbst verflüchtigen sich physikalisch. Die Konsequenz: Der Autor ohne Buch droht früher oder später im digitalen Nirwana zu verschwinden.

* Burkard Spinnen: Das Buch. Schöffling & Co, 2016







Andreas heidtmann
Andreas Heidtmann
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Abwehr des Angriffs auf die Privatheit

Meixner
Dr. Werner Meixner
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Wenn wir nach den Ursachen der Zerstörung von Grundwerten unserer Gesellschaft im Sinne von »Ende der Privatheit« und »Auflösung des Individuums« fragen, dann fragen wir in Wahrheit nach den treibenden politischen Kräften eines Angriffs auf die verfassungsrechtlich verbrieften Grundlagen unseres Staates.

Ich nenne die auf der Digitalen Revolution basierende politisch-ökonomische Revolution die Neo-digitale Revolution. Die Bezeichnung neo-digital folgt einem Narrativ, das die Begirffe neoliberal und digital zusammenführt.

Wir können nun die zur Diskussion gestellten Fragen im Sinne einer Unterscheidung des technischen bzw. politisch-ökonomischen Wirkungskomplexes folgendermaßen neu formulieren:

• Welche Akteure, Institutionen oder Mächte sind im Begriff, unser im Grundgesetz unseres Staates garantiertes Wertesystem, insbesondere die Privatsphäre der Bürger anzugreifen und zu beseitigen, d. h., wer sind die Initiatoren und Akteure der neo-digitalen Revolution und welcher ideologische »Mainstream« steckt dahinter?

• Welche Rolle spielt dabei die Digitale Revolution?

• Wie können wir diese Angriffe abwehren und unsere Grundwerte durch eine Neue Reformation als eine Renaissance nachhaltig verteidigen und warum spielt dabei der Schutz der Privatheit des Individuums eine herausragende Rolle?

1.
Die neo-digitale Revolution ist eine vielschichtige geistige, politisch-ökonomische Revolution, deren Wurzeln in den libertären oder neoliberalen Ideologien der amerikanischen Ökonomie zu suchen sind, wesentlich unterstützt durch die RAND Corporation der Vereinigten Staaten. Sie soll den Menschen in den »homo oeconomicus« transformieren, und sozusagen zum Mitglied einer Informationsgesellschaft machen.

Die Initiatoren der Revolution muss man in den Zentren weniger Großkonzerne der IT-Wirtschaft suchen, aber auch in den militärischen Komplexen und Sicherheitsbehörden der USA und einzelner weiterer Staaten, der Motor ist die mit ungeheuren Finanzmitteln ausgestattete Investorenschaft.

2.
Das Fernziel der RAND Corporation, nämlich die technokratische Steuerung aller Aspekte der Gesellschaft unter einer Welt-Regierung, wäre ohne totale Digitalisierung in der heute sich abzeichnenden Form nicht erreichbar.
Die »Digitalisierung« in der heutigen Form ist geprägt durch Geräte und Programme für beschleunigten, multimedialen Informationsaustausch, Verarbeitung von Daten und automatisierter Steuerung, als da sind: Smartphone, Internet, Suchdienste, statistische Auswertung großer Datenmengen, und kybernetische Steuerung durch Automaten. Verstanden als Prozess ist die Digitalisierung eine technische Entwicklung, andererseits ist sie auch eine Strategie.

Die Strategie kennt zwei Ausprägungen: Digitale Darstellung und Automatisierung. Beide Ausprägungen dieser heutigen Strategie beinhalten schwerwiegende Fehleinschätzungen.

3.
Die neo-digitale Revolution zielt auf die Usurpation unseres Landes in allen Lebensbereichen. Eine erfolgreiche Abwehr dieses Angriffes muss zuallererst alle Kräfte auf ein zentrales Thema konzentrieren. Und dieses Thema ist die vollständige Wiederherstellung unserer individuellen Freiheit, Identität und Entfaltungsmöglichkeit in unserer Privatsphäre, und der Schutz der Kommunikations- und Verkehrswege jeglicher Art vor Einflussnahme durch monopolistische Konzerne oder imperialistische Staaten. Die Verhinderung des Diebstahls privater Daten trifft den Gegner an seiner empfindlichsten Stelle. Es ist der einzige Punkt, den die breite Bevölkerung direkt beeinflussen kann.

Harold Pinter hatte kurz vor seinem Tod Worte gefunden, die in ergreifender Weise ausdrücken, welche Verpflichtung uns allen zufällt:
»Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat zwingend notwendig. Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben – die Würde des Menschen.«

Die uns in dieser Diskussion gestellte Frage lautet, ob wir eine » Neue Reformation« brauchen. Die Frage beantworte ich für mich mit einem eindeutigen Ja. Wir brauchen eine Neue Reformation als Besinnung und Verpflichtung auf die gemeinsamen Werte unserer Verfassung wie auch die gemeinsamen europäischen Werte. Im Unterschied zur ersten Reformation vor 500 Jahren ist die Neue Reformation nicht gegen eine Kirche gerichtet, sondern sie sollte die Unterstützung von beiden Kirchen erhalten, da diese zu den wenigen starken Institutionen gehören, die den europäischen Werten nahestehen.

Die politische Aufgabe einer Neuen Reformation ist das couragierte offene Eintreten für die Grundwerte unserer Verfassung und der Kampf gegen ihre neoliberale Umdeutung oder Aushebelung. Freiheit verlangt die Anstrengung, sie nicht zu verlieren. Die Idee einer Neuen Reformation hätte Zukunft.  

Literaturhinweis:
Zum Thema Ökonomie, Geschichte, Gesellschaft und Migration siehe Bibliotherapie Bücherliste des Internisten, Psychosomatikers und Psychotherapeuten Dr. Volker Kleine-Tebbe der Rehaklinik im Breisgau:
http://fortis-freiburg.eu/wp-content/uploads/2017/02/Bibliotherapie-19.1.2017.pdf

Meixner
Dr. Werner Meixner
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Schreiben und Netz

Ulrike schaefer
Ulrike Schäfer
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Anfang der 2000er – ich arbeitete noch Vollzeit in der IT-Branche und war viel unterwegs – schloss ich mich einer Internetgruppe an, in der geschrieben und Textkritik geübt wurde. Ich befand mich unter Gleichgesinnten, die nichts mit meinem übrigen Leben zu tun hatten. Die Kombination aus Interessengleichheit einerseits und Diskretion andererseits tat meinem Schreiben gut. Es war noch zu schützen, eigentlich ein Geheimnis, verlangte aber zugleich nach Austausch.

Diskretion, Schutz: scheinbar abwegige Begriffe spätestens seit den Snowden-Enthüllungen. Dennoch real. Und Teil des Problems: Auf der Oberfläche der Nutzung stellen sich die Dinge oft vollkommen anders dar, als sie an der Basis sind. Beide Ebenen sind wirklich, die eine bewusst erlebt, die andere – findet statt.

15 Jahre später sind das Netz und meine Existenz als Autorin vielfältig miteinander verknüpft. Was aus meiner Erfahrung – als technik-affine Autorin literarischer, »klassisch« publizierter Texte, also in einem Verlag und mit deutlichem Schwerpunkt auf der Print-Auflage – immer wieder als wesentlich heraussticht, ist zweierlei: zielgerichtet und niederschwellig. Zielgerichtet: Ich kann im Netz mit spezifischen Interessengruppen in Kontakt treten, die ich in meinem begrenzten regionalen Umfeld nicht oder nicht in dieser Vielfalt vorfinde. Niederschwellig: Das Netz erleichtert mir, ohne institutionelle Umwege (Verlag, Buchhandel, Presse, Veranstalter etc.) oder zusätzlich zu diesen als Autorin anwesend zu sein – über meine Website, im Kontakt mit Lesern, Buchbloggerinnen etc. In ganz anderem Maßstab stehen natürlich die Web-Aktionen der Großen des Literaturbetriebs, mit der Marketingkraft großer Verlagshäuser befeuert. Aber in den Buchhandlungen und Zeitungen ist der Platz begrenzt, im Netz nicht. Ich kann auf kleiner Flamme als Autorin koexistieren, ohne selbst dauernd anwesend zu sein. Für eine Autorin, die ja viel Zeit in der Stille benötigt und andererseits nicht für die Schublade schreibt, eine ziemlich angenehme Kombination. Auf dieser Ebene ist von einer »Abschaffung des Individuums« nichts zu spüren, eher im Gegenteil. Was an der Oberfläche konkret erfahrbar ist und was im Untergrund stattfindet, klafft auseinander.  

Nutzerin vs. Bürgerin

Als Ende 2013 über 500 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt mit der Initiative »Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter« Unterschriften gegen die Überwachung sammelten, befand ich mich inzwischen auch in meinem lokalen Umfeld in einer Gemeinschaft von Autoren. Wir versammelten die regionalen Theater, Verlage, Museen, Kleinkunstbühnen und Künstlerinnen/Künstler hinter einem Aufruf an die Bürger aus Stadt und Region, die internationale Petition zu unterzeichnen. Wir stellten uns vor, dass der weltweiten Aktion viele solcher kleinen Initiativen vor Ort folgen sollten, um eine breite Bewegung gegen Massenüberwachung in Gang zu setzen, sozusagen vom oberen und unteren Ende der Literatur- und Kulturlandschaft gleichzeitig.

Wir schrammten hart an die Weihnachtszeit. In der lokalen Zeitung erschien ein Einspalter, vielleicht konnten wir einige zum Unterzeichnen bewegen. Ansonsten folgte – nichts. Wirklich nicht? Und: Was hatten wir erwartet? Dass es so einfach gehen würde? So schnell?

Das tut es nicht einmal in meinem eigenen Bewusstsein und Verhalten. Ich hatte mich lange gegen Facebook entschieden, hatte mich ein halbes Jahr zuvor jedoch angemeldet, und überließ mich in den Jahren danach – mit der ebenso diffusen wie bequemen Selbstberuhigung »Das muss man eh politisch lösen«, wofür ich aber nichts tat – Schritt für Schritt den Verlockungen allerlei weiterer Datenkraken – Clouds, Online-Diensten etc. pp. Den Zwiespalt zwischen Bürgerin und Nutzerin kenne ich gut, er verläuft mitten durch mich hindurch. Ich schlingere und arbeite mit Verdrängung. 

Nur dass die Verdrängung brüchig ist. Und dass die Frage vielfältig wiederkehrt. Nicht nur: Was machen andere mit meinen Daten? Sondern auch: Was mache ich mit den Daten anderer?

2017 experimentiere ich mit einer Online-Kursplattform, weil ich inzwischen selbst Schreibwerkstätten anbiete und Suchende mit ähnlichen literarischen Ambitionen ansprechen möchte, die aus familiären, beruflichen oder finanziellen Gründen nicht für Schreibkurse herumreisen können – abermals: zielgerichtet und niederschwellig. Ich richte die Software ein und bemerke, dass sie mir ungefragt Informationen darüber liefern würde, wer wann wie oft und wie lange welche Werkstattthemen bearbeitet. Will ich das nicht, muss ich nach einer weniger prominenten und womöglich weniger ausgereiften Lösung suchen. Ein Beispiel von vielen. Schritt für Schritt ist die Datensammelei selbstverständlich geworden. Schritt für Schritt gewöhnt sich die Nutzerin in mir daran, das Problem als rein rechtliche Frage zu behandeln, was in Deutschland erlaubt ist und was nicht. Aber was tue ich da eigentlich? Will ich alles, was ich darf?

Ich schlingere. Ich stecke selbst in den Kinderschuhen, was meinen Umgang mit Daten und Privatheit im digitalen Zeitalter betrifft.

Politisches Handeln
Ende 2016 ging die Aktion »Charta der Digitalen Grundrechte der EU« an die Öffentlichkeit. Die Initiatoren, darunter abermals Juli Zeh, sind für kritische Rückmeldungen ausdrücklich offen und erhalten diese in großer Zahl. Es wiederholt sich, was ich von der Aktion 2013 kenne. Damals war gerade aus der Netzgemeinde viel Abfälliges zu lesen, z. B. dies: »Ah, morgen rollt die literarische Kavallerie an, wir sind gerettet!« Darunter weitere Kommentare in gleichem Tenor. Bis Sascha Lobo sich zu Wort meldete: »Dieser Thread hier in seiner außerordentlich kleingeistigen Häme zeigt ungefähr 95 Prozent aller Gründe, warum die deutschsprachige ‚Netzgemeinde‘ so exzeptionell wirkungslos ist. [...] Das allerwichtigste ist ja natürlich Abgrenzung – nicht gegen die Überwachung, sondern gegen Leute, die nicht auf die vorgeschriebene Art gegen Überwachung sind. [...] Grauenvoll, egozentrisch, unklug.«

Ich stimme zu. Was aber ist klug?

Was mir wichtig scheint:
1.
ein gemeinsamer, so breit wie nur irgend möglich aufgestellter Widerstand gegen staatliche und wirtschaftliche Ausspähung. Ein Widerstand, der seine Energien hauptsächlich gegen sich selbst richtet, hat schon verloren.
2.
Parallel dazu – aber nicht stattdessen! – das Streiten um Lösungen und um die Frage: Wie wollen wir die digitale Zukunft gestalten?

Auf der Ebene des alltäglichen Lebens wartet diese Frage nicht, sie stellt sich längst, jeden Tag. Höchste Zeit, den Kinderschuhen zu entwachsen.

Ulrike schaefer
Ulrike Schäfer
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am 23. März 2017 in Leipzig

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Der Lebensraum Internet ist ein völliges Novum in Kultur und Gesellschaft – man spricht von der Digitalen Revolution – annähernd vergleichbar mit der Medienrevolution durch den Buchdruck zu Zeiten Martin Luthers. Niemals zuvor hat sich inmitten bestehender Gesellschaften eine kommunikative Struktur so rasend entwickelt, die im Prinzip von jedem für alle möglichen legalen und illegalen Zwecke genutzt werden kann.

Wenn aber das Internet nicht nur Medium, sondern Lebenswelt ist, darf es auch nicht nur als Medium genutzt werden. Es muss trotz aller Kommunikationsformen, die es ermöglicht, sensibel und differenziert behandelt werden, wie alle anderen Lebensräume des Menschen auch.

Diskussion mit
Christoph Kuhn,
Schriftsteller, Halle/Saale
Nina George,
Schriftstellerin, Berlin
Eva Leipprand,
Schriftstellerin, Vorsitzende des VS, Augsburg
Olaf Zimmermann,
Geschäftsführer des Deutschen Kulturrat

Moderation
Regine Möbius
Stellvertretende Vorsitzende des VS, Leipzig

Eine Veranstaltung des Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di, der Evangelische Akademie Meißen und des Deutschen Kulturrats

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Wir brauchen eine integre Vision der digitalen Gesellschaft

Nina 16
Nina George
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Edward Snowden sagte: »Zu argumentieren, Dir seien Deine Privatsphäre und Datenschutz egal, weil du nichts zu verbergen hast, ist genau so, als ob Dir die Meinungsfreiheit egal wäre, weil du keine Meinung hast.«

Wie egal ist uns Privatheit, Datenschutz, wie leichtfertig oder eben auch gleichgültig handeln wir mit unserer Hoheit über unsere digitalen Handlungen? Jeder von uns wirft einen immensen Schlagschatten von Daten in digitalen Medien und mit Geräten. Onlinebanking, Tweets, eMails, GoogleMaps, Hotelbuchungen, BewertungsApps, Einkäufe: die gesamte Datenmenge weltweit wächst pro Tag rund 2 Zetta-Byte. Das sind, wenn sie sich die Datenpakete als Körner vorstellen, alle Sandkörner der Welt.
Mal zwei.
2020 wird es fünfzigmal so hoch sein.

Es geht dabei nicht in erster Linie um die Frage der Überwachung und der Erstellung von Persönlichkeitsprofilen, die eines Tages gegen Sie, mich oder Ihre Kinder verwendet werden. Obgleich das in Facetten längst geschieht, jeden Tag, jede Stunde. Wenn Sie etwa etwas auf Facebook liken, verrät das bereits etwas über Ihre Einstellung zur Religion, aber auch Ihre Vorlieben, sexuellen Interessen und politischen Einstellungen. Und ihren Alkoholkonsum. Dazu kommen Ihr Bewegungsprofil, Ihre Lesegewohnheiten, Ihre Tippgeschwindigkeiten und die Dauer Ihrer Telefonate – alles sind Puzzleteile von digitalen Daten, die extrem wertvoll sind: Daten sind zu einer Währung geworden.
Und zwar nicht für den Geheimdienst – der sich in der Tat nicht interessiert für das, was Sie trinken. Höchstens mit wem.
Ihre privaten Handlungen sind eine begehrte Ware für Werbetreibende. Und für Versicherungen: Eine US-Versicherung nutzt z.B. Konsumverhalten zur Abschätzung von zukünftigen Risiken und berechnet daran auch die entsprechende Risikoprämie. Das selbe gilt für Kreditabteilungen, die Bonitäten einschätzen.

60 Prozent des Traffics im täglichen Internet sind heute Datenströme der Werbe- und Verkaufswirtschaft, Bots und Scripte, aufgerufener Banner – das heißt Werbung, mit der wir Kontakt haben, ist bereits das Ergebnis von abgefragten, analysierten und wieder verkauften privaten Handlungen. Werbung generiert neben Pornographie und Kultur-Piraterie den größten Verkehr im weltweiten Netz – unabhängig von den Drogen- Waffen- und Menschenhandel in den Darknets, den für Otto-Normal-User unsichtbaren Untergrund der globalen digitalen Netzwerksysteme.

Wir müssen Daten – also Ihre privaten Handlungen – und kulturelle Werke als Ware von einem ähnlichen, hohen Wert für Internet-Intermediäre denken. Urheberpersönlichkeitsrecht und informationelles Selbstbestimmungsrecht (eben Datenhoheit, Datenschutz) entspringen derselben rechtspolitischen und verfassungsrechtlichen Wurzel. Mit Daten – quasi Ihrer Privat-Person – wird genauso ungefragt gewirtschaftet wie mit Werken von uns, den Schriftstellerinnen und Schriftstellerin. Die Verwertung und das Geschäft mit Daten ist Währung und Produkt, und Kulturwerke sind gleichermaßen Währung und Produkt.

Gesellschaftsanalytisch handelt es sich bei diesen Entwicklungen um einen »transfer of value«: Den Wertetransfer. Im Kulturbetrieb bedeutet er: weg vom Schaffenden, hin zum Verteiler. Nicht mehr die Leistungen der Schöpfer, der Autorin, dem Komponisten, dem Fotografen, werden respektiert und honoriert, sondern die »Leistung« des Werk-Vermittlers, des sogenannten Intermediär.
Dessen digitale Distributions-Maschine lebt zwar ausschließlich von dem Benzin, das Leute wie ich erstellen, meiner Arbeit, Leistung, Erfahrung, meinen wirtschaftlichen Risiken, Jahren der Erfahrung – doch bezahlt uns der Intermediär weder anständig noch respektiert er den Rechtekomplex von Urheberrechten.

Genauso geht es jedem, der nicht Berufskünstlerin ist; dessen privaten Handlungen, seine persönlichen Daten-Spuren, ungefragt und meist auch unbemerkt, als Währung in das Geschäftsmodell der Intermediären einspeist.
So gibt es ebenso den Wertetransfer von den persönlichen Daten zu einer Währung; es gibt nichts umsonst im Internet. Jeden angeblichen Gratis-Service bezahlt jeder mit seinen intimen Daten – und der Aufgabe von Bürger- und Menschenrechten.

Ironie der Geschichte: Wenn Sie ein e-Book von mir umsonst erhalten, ob auf legalem, halblegalem oder illegalem Wege – bezahlen Sie in jedem Fall mit Ihren privaten Daten. Ihre Lesegewohnheiten werden ausgewertet, und manch findige Firma erstellt daraufhin Schreibleitfäden für das Buch, das garantiert bei 75 Prozent aller Leserinnen im Raum München-Pasing gut ankommt. Um mir als Autorin dann diesen Leitfaden zu verkaufen.
Sie haben immerhin ein Buch. Verloren aber haben wir beide, und gewonnen hat nur der Intermediär.

Von dem Kuhhandel mit Kulturwerken (Ihre Daten gegen meine nicht vergütete Arbeit) als auch mit Ihren persönlichen Schlagschatten aus allerlei Spuren im Web, profitiert die GAFA-Connection und ihre Mitbewerber aus Silicon Valley. Ob Google, Amazon, Facebook oder Apple, YouTube, Netflix oder Spotify. Ihre Distributions-, Sammel- und Verwalterfähigkeiten, werden weit höher ge-, nun ja, gewertschätzt, als das Schaffen jener zum »Content« degradierten Werkleistungen, mit denen die Verteil-Maschinen überhaupt erst funktionieren – und auch weit höher als die bürgerrechtliche, menschenrechtliche und grundrechtliche Hoheit und Souveränität über die eigenen Vorlieben, Kaufgewohnheiten, Tätigkeiten, Lesegewohnheiten.
Nicht mehr die Privatsphäre ist das Wertvolle, sondern der Konsum und seine Verteiler.

Im Digitalen geht es mehr und mehr um Persönlichkeitsrechte, die jedem Menschen die Hoheit und Bestimmungssouveränität über alles garantiert, was er produziert – ob professionelle Kulturwerke, ob WhatsApp-Fotos, ob eMails, ob Lesegewohnheiten.
Dort ist der Link, der uns zu der Frage führt, in welcher Sorte digitaler Gesellschaft wir leben wollen: Ob in einer integren Gemeinschaft – oder in einer konsum- und umsatzorientierten, deren größte Player keine Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte nehmen will.
Oder ob es nicht Zeit für eine Medienrevolution ist, einer Reformation der Werte, Wertschätzung und Wertschöpfung im Internet – die nicht von Silicon-Valley-Firmen, ihren Lobbyisten und den Hörigen der Religion des technikverliebten homo oeconomicus bestimmt wird – sondern von denen, die das Internet gleichermaßen nutzen als auch befüllen.

Nina 16
Nina George
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Unterstützt die »Charta der digitalen Grundrechte der EU«!

Leipprand
Eva Leipprand
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Die Digitalisierung verändert Gesellschaft und Kultur fundamental. Sie bietet unendlich viele neue Möglichkeiten, bedroht aber zugleich die Privatsphäre und Individualität des Menschen.

Um Grundrechte und demokratische Prinzipien auch in der digitalen Welt zu schützen, benennt die »Charta der digitalen Grundrechte« in 23 Artikeln entsprechende Rechte, von Würde und Freiheit bis zu Datenschutz und informationeller Selbstbestimmung [https://digitalcharta.eu].

Im Lutherjahr 2017 hat der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller ein mehrteiliges Projekt initiiert mit dem Titel »Ende der Privatheit. Brauchen wir eine neue Reformation?«. Das Projekt wird von vielen gesellschaftlichen Kräften im Land unterstützt und gefördert, u.a. von der Staatsministerin für Kultur und Medien, der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di sowie der Petra-Kelly-Stiftung. [http://digital-versus-privat.de/]. Wir befinden uns in der größten Medienrevolution seit Gutenberg, der wir mit diesem Projekt Rechnung tragen wollen.

Wie in der Epoche der Reformation erleben auch wir eine Zeit des Umbruchs, der Unübersichtlichkeit, die gekennzeichnet ist von Verunsicherung und Angst vor Veränderung, aber auch dem Bewusstsein, dass es gilt, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.

Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist diese Debatte besonders drängend. Sie sind Personen des öffentlichen Lebens, die Narrative herstellen – sie bringen die Dinge in Bedeutungszusammenhänge, erklären die Welt, jeder auf seine Weise in großer Vielfalt, schaffen Bilder und Symbole für den Diskurs in der Gesellschaft. Sie erleben eine Umwälzung der Bedingungen des Schreibens und tragen zugleich gesellschaftspolitische Verantwortung.

Im Rahmen des Projekts findet auf der Leipziger Buchmesse am 23.März 2017 die Diskussion »Vom Wert der Werte. Ende der Privatheit. Brauchen wir eine neue Reformation?« statt. Die »Charta der digitalen Grundrechte« kann dabei die Richtung weisen zu neuen Thesen für das 21. Jahrhundert.

Ich rufe dazu auf, die »Charta der digitalen Grundrechte« zu unterzeichnen [hier: https://digitalcharta.eu/].
Der Aufruf richtet sich nicht nur an die Mitglieder dieses größten berufsständischen Autorenverbands, sondern darüber hinaus an alle, die Privatsphäre und Individualität des Menschen schützen wollen.

Der Beitrag von Eva Leipprand ist auch veröffentlicht als Medieninformation des VS vom 22. März 2017 und kann als pdf-Datei hier geladen werden

Leipprand
Eva Leipprand
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